Räuberinnenleiter

Immer noch wird Politik in Österreich vor allem von Männern gemacht. Der Aufstieg der Frauen an die Macht geht nur langsam voran.

Platz 122, sechste Reihe, Plenarsaal, Parlament. Ein schwerer Lederstuhl, nicht anders als die ringsum. Ein Platz mitten im Zentrum der politischen Macht des Landes. Hier sitzt Elisabeth Hakel, 35 Jahre alt, lange blonde Haare, blaue Bluse. Es sind ihre letzten Monate. Wenn im Herbst der neue Nationalrat gewählt wird, ist es wohl vorbei. Dann sitzt vermutlich auf Platz 122 wieder ein Mann. Er heißt Wolfgang Moitzi, ist genauso wie Hakel aus der Steiermark. Max Lercher, Reformkoordinator der steirischen SPÖ, hat den Chef der Sozialistischen Jugend vorgeschlagen und auf den dritten und letzten aussichtsreichen Listenplatz für die Wahl gesetzt.

Am Tag nach der Parteientscheidung sitzt Hakel in der Cafeteria des Parlaments. Ihr starrer Blick lässt ihren Frust erahnen. „Eine Männerpartie hat mich übers Messer springen lassen“, sagt sie. Was wie ein Zufall klingt oder ein politisches Manöver verschiedener Bezirksorganisationen, ist für sie symptomatisch. Ein Mann hilft einem Mann. Die Konsequenz daraus: Der Frauenanteil in der Politik wurde wieder ein kleines bisschen verringert.

52 Prozent der österreichischen Be­völ­kerung sind Frauen. Seit 94 Jahren dürfen sie nun schon wählen, aber bis heute gab es keine einzige Bundeskanzlerin oder Bundespräsidentin. Derzeit sind zwar sechs von 14 Ministern Frauen, aber im Parlament beträgt der Frauenanteil nur 29 Prozent. Von neun Bundesländern wird nur eines von einer Frau regiert: Salzburg mit Gabi Burgstaller (SPÖ). Sollte die ÖVP die Landtagswahlen am 5. Mai gewinnen, wäre ihr Nachfolger wieder ein Mann (Update: So ist es tatsächlich gekommen. Burgstaller trat nach einem Wahldebakel zurück, Wilfried Haslauer von der ÖVP ist der neue Landeshauptmann). Bei den Bürgermeistern ist nur jeder zwanzigste weiblich, und die beidFrauen in der österreichischen Politik. © Ruth Eisenreich, 2013. Nichtkommerzielle Nutzung unter Nennung der Quelle gestattet (CC BY-NC-SA)en größten Parteien SPÖ und ÖVP hatten noch nie eine Parteichefin. Auch die Führungsebenen von Unternehmen sind fast ausschließlich von Männern besetzt – in der Politik ist das freilich noch viel problematischer. Sie sollte die eigene Bevölkerung repräsentativ vertreten.

Wenn man nach Gründen sucht, warum das nicht so ist, fallen zuallererst die Worte: Kinder, Familie, Haushalt. Trotz aller hehren Sprüche von Halbe-Halbe bleiben sie auch in der Politik noch oft an den Frauen hängen. Das gilt sogar, wenn eine langgediente Diplomatin für das höchste Amt im Land kandidiert. Benita Ferrero-Waldner (ÖVP) hatte im Jahr 2004 als erste Frau in der Geschichte der Zweiten Republik ernsthafte Chancen, sich auf den Sessel des Bundespräsidenten setzen zu können. „Ich war Außenministerin und musste nebenbei noch den Haushalt und zwei Stiefkinder managen. Da blieb wenig Zeit für das Netzwerken“, sagt sie heute, wenn sie über ihre damalige Niederlage gegen Heinz Fischer spricht.

Die Bekanntschaften, die Seilschaften, die Klubs, die Netzwerke – Frauen, die an die Macht wollen, tun sich da viel schwerer. Die Politikwissenschaftlerin Veronika Schwediauer hat für ihre Dissertation an der Universität Wien die Biografien sämtlicher SPÖ-, ÖVP- und FPÖ-Regierungsmitglieder der Jahre 1966 bis 2006 untersucht. Die weiblichen Ministerinnen, hat Schwediauer festgestellt, waren weniger gut vernetzt als die männlichen. Schwediauers Studie bezieht sich auf formelle Netzwerke von den Jugendorganisationen der Parteien über Eliteschulen bis hin zu Gewerkschaftsfraktionen, aber ihre Beobachtung lässt sich auch im Alltag nachvollziehen: Wenn die Parteimänner nach der Sitzung noch auf ein Bier gehen, gehen die Frauen oft nach Hause.

Mittlerweile haben einige Frauen etwas erkannt, was sich bei den männlichen Kollegen schon länger herumgesprochen hat: Qualifikation und harte Arbeit alleine reichen nicht, um in die Hallen der Macht vorzudringen. Sie versuchen, sich ebenfalls zu verbünden und sich gegenseitig zu fördern. „Aber Männer haben eine jahrhundertealte Tradition des Netzwerkens“, sagt Waltraud Klasnic (ÖVP), die in der Steiermark ab dem Jahr 1996 als allererste Frau überhaupt eine Landesregierung führte. „Die Frauen müssen erst mühsam lernen, wie sie eine Räuberleiter füreinander bilden können.“

Es war im Jahr 2006, als Elisabeth Hakel um Hilfe bat. 28 Jahre alt war sie damals. Sie hatte sich langsam ihren Weg in der SPÖ nach oben gebahnt – zuerst Vorsitzende der SPÖ-Vorfeldorganisation Junge Generation (JG) in ihrem Heimatbezirk Liezen, nach drei Jahren JG-Bundesgeschäftsführerin, zur Jahrtausendwende parlamentarische Mitarbeiterin desFrauen in der österreichischen Politik. © Ruth Eisenreich 2013. Nichtkommerzielle Nutzung unter Nennung der Quelle gestattet (CC BY-NC-SA) ehemaligen Innen- und Wissenschaftsministers Caspar Einem. Elisabeth Hakel wollte hoch hinaus. Also nahm sie all ihren Mut zusammen und sprach die – zumindest formell – mächtigste Frau an, die es in der österreichischen Politik je gegeben hat: die damals frisch gewählte Erste Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ). Ob sie ihr helfen könne, einen Job als Pressesprecherin in einem Ministerium zu bekommen?

Kein Problem, sagte Prammer – und bot Hakel wenig später an, ihre eigene Pressearbeit zu übernehmen. Hakel sagte zu. Zwei Jahre lang blieb sie Prammers Pressesprecherin, dann wurde sie selbst in den Nationalrat gewählt, auf Platz 122 in der sechsten Reihe, als Bereichssprecherin für Creative Industries.

Hakel hat etwas getan, wovor viele Frauen Skrupel haben: Sie hat jemanden gebeten, die Räuberleiter für sie zu machen. Und sie hat sich dafür eine Frau ausgewählt, die groß genug für diese Aufgabe war. Denn das ist eines der größten Hindernisse von Frauenbündnissen: Ihre Mitglieder stehen oft auf derselben Hierarchieebene. Zur Harmonie und zum Stillsein erzogen, tendieren Frauen dazu, dichte Netzwerke zu bilden, erklärt die Netzwerkforscherin Ruth Pfosser vom Institut FAS.research – Cliquen, deren Mitglieder viel Vertrauen zueinander haben, die sich nach außen hin aber stark abschotten.

Aber ein effizientes Karrierenetzwerk, sagt Pfosser, muss auch Input von außen zulassen, es muss Personen aus unterschiedlichen Bereichen und Hierarchiestufen verbinden. Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ), von der Guntramsdorfer Gemeinderätin aufgestiegen zur Frauenministerin, sieht das genauso: „Wenn sich Gleichgestellte zusammentun, ist das schön“, sagt sie. „Aber es braucht auch ein Darüber, das sagt, ich ziehe dich hoch.“ Nur gibt es in Österreich immer noch zu wenige Frauen, die ein solches Darüber sein können.

Es ist jener Tag im April, an dem Elisabeth Hakel ihren Listenplatz für den Herbst verloren hat. Ein langer Gang mit rotem Läufer führt zu einem geräumigen Büro, hinter dem Schreibtisch hängt die Fahne der EU, daneben die österreichische. An einem großen Besprechungstisch sitzt mit Barbara Prammer jene Frau, die Hakel einmal mit nach oben gezogen hat. Auch sie will auf ihrem Weg nach oben das eine oder andere Mal an den Männercliquen angestoßen sein.

Frauen in der österreichischen Politik. © Ruth Eisenreich 2013. Nichtkommerzielle Nutzung unter Nennung der Quelle gestattet (CC BY-NC-SA)Sie erzählt Anekdoten, wie sie wohl jede Politikerin in ihrem Repertoire hat. Etwa die vom Herbst 1990. Da war sie noch Vorsitzende der oberösterreichischen SPÖ-Frauen und bewarb sich um den Posten des Soziallandesrats. Das Parteipräsidium empfahl sie, doch die geheime Abstimmung im Parteivorstand verlor Prammer knapp gegen einen Mann. „Da hat sich die starke Männerphalanx durchgesetzt“, sagt Prammer. Sie musste fünf Jahre warten, bis sie ihrem damaligen Konkurrenten nachfolgen konnte – als erste weibliche Landesrätin Oberösterreichs. Unter Viktor Klima war sie Frauenministerin. Heute thront sie über der Regierungsbank, hat sämtliche Abgeordneten und Minister im Blick, über ihr nur noch der Bundesadler.

 Diese Karriere wäre schwer möglich gewesen, wenn sie ihre Kinder nicht jung – den Sohn mit 19, die Tochter mit 26 – bekommen hätte, sagt Prammer, und ihre sonst so ruhige und bedächtige Stimme wird lebhafter: „Wenn sie nicht schon aus dem Gröbsten heraußen gewesen wären, als ich in die Politik gegangen bin – wer weiß, wie es mir gegangen wäre.“

 Prammer nützt ihre Position bewusst, um Frauenthemen zu pushen. Im Jahr 2009 organisierte sie eine parlamentarische Enquete mit dem Titel „Frauen in der Politik – mehr Frauen in die Politik!“. Und sie rief vierteljährliche informelle Treffen aller weiblichen Abgeordneten ins Leben, parteiübergreifend. In letzter Zeit sind die Treffen allerdings eingeschlafen: zu wenig Zeit, andere Prioritäten. Und im Wahljahr, sagt Prammer, machten solche Treffen sowieso wenig Sinn.

Zwölf Jahre lang war Prammer auch Chefin der SPÖ-Frauenorganisation. Eine solche Teilorganisation haben fast alle Parteien – aber die der SPÖ ist die einzige, die innerhalb der Partei eine gewisse Macht hat, sagt die Politikwissenschaftlerin Veronika Schwediauer: „Im parteiinternen Machtgefüge sind alle Frauenorganisationen in der Peripherie verortet.“ Die Initiative Freiheitlicher Frauen etwa sei innerhalb der FPÖ völlig irrelevant.

Für etwa ein Drittel der weiblichen Ministerinnen aus SPÖ und ÖVP, sagt Schwediauer, sei ein Engagement in der Frauenorganisation das Sprungbrett ins Ministeramt gewesen. Knapp zwei Drittel kamen aus der Lokal- oder Regionalpolitik, nur etwa jede achte aus der nationalen Politik. Dass Frauen viel seltener als Männer über die Bundespolitik Karriere machen, deutet für Schwediauer darauf hin, dass auf der nationalen Ebene vorwiegend männlich besetzte Netzwerkbeziehungen eine besonders große Rolle spielen.

Als einzige Parlamentspartei – neben dem Team Stronach – haben ausgerechnet die in feministischer Tradition verankerten Grünen keine bundesweite Frauenorganisation. „Wir wollen Frauenthemen nicht in eine eigene Teilorganisation abschieben, sondern als Teil des Ganzen betrachten“, sagt Frauensprecherin Judith Schwentner. Konsequenterweise steht mit Eva Glawischnig an der Spitze der Partei eine Frau. „Das Netzwerken war für mich nie ein Thema“, sagt sie. „Was Frauen fördert, ist die Quote.“ Wenn bei den Grünen Kandidatenlisten erstellt werden, gilt das Reißverschlusssystem.

Frau, Mann, Frau,Frauen in der österreichischen Politik. © Ruth Eisenreich 2013. Nichtkommerzielle Nutzung unter Nennung der Quelle gestattet (CC BY-NC-SA) Mann. Sonst hat sich nur die SPÖ eine 40-Prozent-Frauenquote verordnet, die sie aber nicht immer einhält, in der ÖVP ist die Quote umstritten, die rechten Parteien sind sowieso dagegen.

Aber Eva Glawischnig ist durchaus Mitglied in einem Frauennetzwerk: Im Klub für Frauen, in dem auch die rote Wiener Umweltstadträtin Ulli Sima, die ehemalige Wiener ÖVP-Chefin Christine Marek und Frauen aus Wirtschaft und Medien vertreten sind. Alle paar Monate lädt der Klub für Frauen zu Vorträgen oder Podiumsdiskussionen: Eine Museumsdirektorin kommt zu Besuch, Kardinal Christoph Schönborn debattiert über die Rolle der Kirche in der modernen Gesellschaft.

Was für die Männer das gemeinsame Bier nach der Arbeit ist, scheinen für Frauen Workshops, Vorträge und Lesungen zu sein. Die Wiener SPÖ-Frauen treffen sich beim Seminar „Selbstbewusst kommunizieren“, die der ÖVP beim Vortrag „Gesund in den Sommer“, die freiheitlichen Frauen gehen zusammen ins Gloria-Theater und die Grünen zu einer Lesung über berühmte weibliche Liebespaare der Geschichte.

Nach den Kriterien von Netzwerkforscherin Pfosser müsste der 2002 gegründete Klub für Frauen ein großes Potenzial haben, Frauen beim Aufstieg zu helfen. Warum haben dann die Studien von Politologin Schwediauer ergeben, dass dieser und andere überparteiliche Frauennetzwerke für eine Karriere in der Spitzenpolitik völlig irrelevant sind?

Die scheinbare Ungereimtheit klärt sich auf, wenn man auf der Website des Klubs für Frauen auf „Ziele“ klickt. Dann springt einem sofort ein fett gedruckter Satz entgegen: „Wir sind kein Karriere­netzwerk.“ Es klingt, als ob „Karriere­netzwerk“ ein Schimpfwort sei oder zumindest etwas Anrüchiges, und viele Frauen empfinden das wohl tatsächlich so.

Ein Fehler, findet die ehemalige Umwelt-, Gesundheits- und Frauenministerin Maria Rauch-Kallat: „Karrieren funktionieren nicht wie Märchen, wo die Prinzessin von selbst gefunden wird“, sagt sie. „Wir müssen viel zielorientierter planen.“ Viele Jahre lang war Rauch-Kallat als Chefin der ÖVP-Frauenbewegung Barbara Prammers großkoalitionäres Gegenüber. Sie hat den Club Alpha gegründet, der ähnlich dem Klub für Frauen Gespräche etwa mit der Schauspielerin Maria Happel oder mit Nationalbibliotheksdirektorin Johanna Rachinger ausrichtet und ein Mentoringprogramm hat. Und wie Prammer hat auch Rauch-Kallat immer wieder versucht, Frauen und ihre Anliegen zu pushen – auch gegen männliche Widerstände.

Frauen in der österreichischen Politik. © Ruth Eisenreich 2013. Nichtkommerzielle Nutzung unter Nennung der Quelle gestattet (CC BY-NC-SA) In ihrem Stammcafé in der Wiener Innenstadt erzählt Rauch-Kallat bei einem Espresso die Geschichte, wie sie aus dem Parlament flog: Im Juli 2008 war Rauch-Kallat dafür verantwortlich, dass nicht der damalige Favorit Peter Sonnberger, sondern Gertrude Brinek Volksanwältin der ÖVP wurde. Nur einen Monat später erstellte die ÖVP ihre Kandidatenliste für die Nationalratswahl, und Rauch-Kallat landete auf einem Wackelplatz. Der damalige Parteiobmann Wilhelm Molterer habe ihr dezidiert erklärt, dass ihr Einsatz für Brinek der Grund dafür gewesen sei, sagt Rauch-Kallat. Als Nachrückerin kam Rauch-Kallat 2011 doch noch einmal für zwei Monate ins Parlament.

Ihr letztes großes Projekt: die gendergerechte Textänderung der Bundeshymne, eine Errungenschaft von Barbara Prammers überparteilichen Frauentreffen. Rauch-Kallat und ÖVP-Frauensprecherin Dorothea Schittenhelm kämpften entgegen der Parteilinie gemeinsam mit den roten und grünen Frauen für die Textänderung.

Die Änderung war eine symbolische Geste, viele fanden sie lächerlich und irrelevant. Aber den ÖVP-Männern waren die Wörter „Töchter“ und „Jubelchöre“ offenbar doch wichtig. Wichtig genug jedenfalls, um im Juli 2011 durch Endlosreden Rauch-Kallats Abschiedsrede im Nationalrat zu verhindern, bei der sie über die Hymne sprechen wollte. Und wichtig genug, um nach dem Beschluss – bei dem die Männer nach langem Widerstand dann doch mitstimmten – Frauensprecherin Schittenhelm das Leben schwer zu machen: Monatelang hätten die männlichen Kollegen nicht mehr mit ihr gesprochen, erzählt Schittenhelm.

Die Beispiele zeigen, wie sehr weibliche Politikerinnen immer noch auf ihre männlichen Kollegen angewiesen sind. Die meisten Entscheidungspositionen sind von Männern besetzt, und auch in den politischen Gremien – vom Parteivorstand, der die Kandidatenliste für die Wahl erstellt, bis zum Nationalrat – sind Männer meist deutlich in der Mehrheit. Frauen können sich also vernetzen, so viel sie wollen – wenn es ihnen nicht gelingt, auch Männer auf ihre Seite zu ziehen, scheitern sie mit ihren Vorhaben. Frauen müssen sich daher nicht nur untereinander verbünden, sondern auch in die Männernetzwerke vordringen, sagt Ex-Ministerin Maria Rauch-Kallat. Ihr Erfolgsrezept: „Ich war trinkfest, konnte schnapsen und bin immer bis zum Schluss sitzen geblieben.“

Datum, Mai 2013

Der Substi-Streit

Österreich ist das einzige Land Europas, in dem Heroinsüchtige in großem Stil das Medikament Substitol bekommen – aber nicht mehr lange, wenn es nach der Innenministerin, der Polizei und manchen Medien geht. Ist Substitol wirklich so böse?

 

Vorsichtig öffnet der Apotheker die rotbraune Kapsel und leert den Inhalt in einen Plastikbecher: winzige weiße Kristalle, wie feucht gewordenes, verklumptes Salz sehen sie aus. Aber es kein Salz, sondern Morphinsulfat-Pentahydrat, ein Opiat, das ähnlich wirkt wie Heroin.

Unter dem Namen Substitol werden die Kapseln Süchtigen verschrieben, damit diese sich keinen Stoff auf der Straße kaufen müssen. Immer wieder sorgen die Ersatzdrogen für Empörung: Sie werden mit Schwarzmarkthandel, dealenden Ärzten und Todesfällen in Verbindung gebracht. Auch seriöse Zeitungen bringen Schlagzeilen wie „Heroinersatz: Das Millionengeschäft Drogensucht“ oder „Kassen finanzieren Schwarzmarkt für Ersatzdrogen“. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) forderte gar eine Einschränkung der Substitutionstherapie – und erntete einen Proteststurm.

Denn die Ersatztherapie ist eine Erfolgsgeschichte. Viele Menschen können die Heroinsucht nie überwinden, Ärzte sehen sie heute als chronische psychische Erkrankung. Auch die Ersatztherapie heilt die Sucht nicht, aber sie verhindert Beschaffungskriminalität, reduziert die Gefahr, sich mit HIV oder Hepatitis anzustecken, und ermöglicht den Süchtigen ein geregeltes Leben. Im Jahr 2002 waren in Österreich knapp 5.000 Menschen in Substitutionstherapie; 2011 waren es schon fast 17.000, etwa die Hälfte aller Drogensüchtigen.

Stefan Ebner, der in Wirklichkeit anders heißt, ist einer von ihnen. Als Jugendlicher begann er, mit Drogen zu experimentieren, und landete beim Heroin. Mehrmals erwischte ihn die Polizei mit Drogen, dazu kamen ein paar Einbrüche. Schließlich musste Ebner für fast vier Jahre ins Gefängnis. Dort steckte er sich über gebrauchte Spritzen mit HIV und Hepatitis C an.

Heute ist Ebner 38 Jahre alt und geht jeden Tag in die Apotheke, um drei der rotbraunen Kapseln zu schlucken, 600 Milligramm Substitol. „Seitdem ich substituiert bin, hatte ich keine Brösel mehr mit der Polizei“, sagt er und zieht an seiner Zigarette. Eine Bart-Simpson-Stoffpuppe sitzt neben ihm auf dem lachsrosa Sofa in seinem Wohnzimmer, eine Katze springt herum. „Leute zum Entzug zu zwingen, kostet den Staat Geld und bringt nichts“, sagt Ebner.

Für die Substitutionstherapie gibt es verschiedene Medikamente. Weltweit am häufigsten eingesetzt wird Methadon, eine Flüssigkeit, die der Patient meist mit Sirup vermischt trinkt. Einige Länder setzen auf den Wirkstoff Buprenorphin, anderswo laufen Projekte mit reinem Heroin.

Und dann sind da die retardierten Morphine, an denen sich die Debatte in Österreich entzündet: die Substitol-Kapseln des Marktführers Mundipharma und die Compensan-Tabletten der Firma G.L. Pharma, deren Geschäftsführer und Teilhaber pikanterweise der ehemalige ÖVP-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein ist. Während seine Parteikollegin Mikl-Leitner gegen die Ersatztherapie Stimmung macht, tüftelt seine Firma bereits an einem neuen Medikament, das für den Schwarzmarkt weniger attraktiv sein soll.

Substitol und Compensan wirken ähnlich wie Heroin, aber zeitverzögert: „Retardiert“ bedeutet, dass die Wirkung nur langsam einsetzt und lange anhält. Wer diese Medikamente schluckt, bekommt keinen Kick, aber auch keine Entzugssymptome.

Die Ersatztherapie mit retardierten Morphinen ist zwar in mehreren europäischen Staaten erlaubt, eingesetzt wird sie aber nur in drei Ländern. In Bulgarien bekommen sechs Prozent der Substitutionspatienten diese Präparate, in Slowenien 17 Prozent; in Österreich, das 1998 als erstes Land in Europa retardierte Morphine zuließ, sind es 55 Prozent, in Wien fast zwei Drittel. Und das, obwohl diese Mittel laut Suchtgiftverordnung eigentlich nur verschrieben werden dürfen, wenn der Patient andere Medikamente nicht verträgt.

Das Problem mit Substitol: Wer den Inhalt der Kapsel auflöst und sich spritzt, bekommt einen Kick wie bei Heroin. Viele Süchtige tun das, obwohl die Wirkung dann weniger lang anhält und sich Bestandteile der kleinen weißen Kristalle in den Venen absetzen können.

Ein Teil der Morphine landet auf dem Schwarzmarkt – wie groß er ist, ist allerdings völlig unklar. Manche Substitutionspatienten zweigen einen Teil ihrer Ration ab und verkaufen ihn, meist, um sich andere Drogen zu kaufen. Eigentlich müssten sie die Kapseln täglich vor den Augen des Apothekers schlucken, wie es Stefan Ebner tut. Aber wer einen fixen Job hat und daher nicht täglich kommen kann, kann seine Ration für eine Woche mitbekommen. Viele Süchtige haben auch Tricks entwickelt, die Kapseln im Mund zu verstecken und nach Verlassen der Apotheke auszuspucken; manche sollen gar bereits geschluckte Tabletten wieder erbrechen. Zehn bis 20 Euro bekommt man in Wien für eine Kapsel, für „G’spuckte“ ist es weniger; in anderen Bundesländern, wo Morphine schwerer zu bekommen sind, soll eine Kapsel bis zu 50 Euro kosten.

Immer wieder berichten Medien auch von Anzeigen gegen dealende Ärzte. Von Anzeigen, wohlgemerkt, nicht von Verurteilungen. Die Anwältin Alexia Stuefer hat mehrere Ärzte vertreten, keiner von ihnen wurde schuldig gesprochen: “Es gab zu Recht Freisprüche“. Auch der Suchtgiftrichterin Helene Gnida sind keine Verurteilungen bekannt.

Erst vor wenigen Tagen berichtete der Kurier – zur Hälfte im Besitz der ÖVP-nahen Raiffeisen – wieder einmal von einem „Skandal“ um eine Ärztin, die „der Suchtgiftszene große Mengen Substitol verschafft haben soll“. Allerdings stammt laut Polizei die letzte derartige Anzeige von Anfang Januar, der Kurier berichtete bereits damals – und es ging gar nicht um Substitol, sondern um das Schlafmittel Somnubene.

Die europäische Sonderstellung, die Kluft zwischen Gesetzeslage und Praxis, das Spritzen, der Schwarzmarkt, die Medienberichte über dealende Ärzte, dazu noch das weitverbreitete Misstrauen gegenüber Pharmafirmen: Kein Wunder, dass retardierte Morphine einen schlechten Ruf haben. Vor allem von Polizeibeamten und Richtern kommt Kritik, etwa von Franz Lang, dem Direktor des Bundeskriminalamts: Er findet im Gegensatz zu den meisten Experten, dass die Ersatztherapie die Süchtigen nicht nur stabilisieren, sondern heilen sollte.

Einer der wenigen Ärzte, die Substitol kritisieren, ist der Vorarlberger Psychiater Reinhard Haller, Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene. Retardierte Morphine seien ein „staatlich finanziertes Hineinheizen in die Drogenszene“, sagt er und bittet darum, im Zusammenhang mit ihm keine Firmennamen zu nennen: „Die klagen sofort“. Haller stilisiert sich zum Dissidenten innerhalb der österreichischen Ärzteschaft, die Presse nannte ihn „einen von wenigen Ärzten, die sich trauen, den Einsatz retardierter Morphine öffentlich zu hinterfragen“.

Tatsächlich vertritt Haller eine Minderheitsmeinung innerhalb der Ärzteschaft; mit seinen Gegnern führt er einen Kleinkrieg um die mediale Deutungshoheit über das Thema. Die „Lobby“ hinter den retardierten Morphinen argumentiere „naiv und hinterhältig“, sagt Haller; der Vorarlberger Kollege sei Teil einer „pressure group“, die „krude und unmedizinische Ideen“ vertrete, sagen seine Gegner.

Einer von ihnen ist Hans Haltmayer, ärztlicher Leiter der Suchthilfe Wien, die das Jedmayer am Gumpendorfer Gürtel betreibt. Vor der Tür des gelben Gebäudes stehen an diesem Vormittag schon ein paar Leute an, sie wollen ihre Spritzen tauschen oder warten darauf, dass das Tageszentrum öffnet; die Ambulanz im Erdgeschoß ist gut besucht. In seinem Büro im obersten Stockwerk erklärt Haltmayer die Vorteile von retardiertem Morphin: Es wirke genauso gut wie Methadon, habe aber weniger Nebenwirkungen. Diverse Studien bestätigen das – natürlich gibt es aber, wie immer bei umstrittenen Themen, auch Studien, die das Gegenteil behaupten. Die Meldungen über einen explodierenden Schwarzmarkt in Wien hält Haltmayer jedenfalls für übertrieben: Weil die meisten Abhängigen legal Substitutionsmittel bekämen, gebe es wenig Druck, sie illegal zu kaufen.

Man muss von Haltmayers Büro aus allerdings nicht weit gehen, um die Frage „Brauchst a Substi?“ zu hören: einmal über die Straße reicht. Vor der U-Bahn-Station Gumpendorfer Straße wechseln zwei junge Männer ein paar Worte. Sie gehen ein Stück den Gürtel entlang, dann steckt der eine dem anderen etwas zu.

Eine Woche später sitzt der Käufer, nennen wir ihn Andreas Moser, im Wartezimmer eines Arztes im zwölften Bezirk. Einmal monatlich kommt er hierher, um sich sein Rezept zu holen: 500 Milligramm Compensan pro Tag. Weil Moser das Medikament spritzt, reicht die Dosis nicht, und so besorgt er sich einmal wöchentlich am Karlsplatz oder vor der Gumpendorfer Straße um 150 bis 200 Euro ein paar extra Tabletten. Finanzieren könne er das durch seine Arbeit als Installateur, sagt er. Warum er die Tabletten nicht einfach wie vorgesehen schluckt? „Das Spritzen wird zu einem Ritual in der Früh, wie bei anderen die erste Zigarette“. Spritzen sei ein Symptom der Krankheit Drogensucht, sagt Hans Haltmayer, „und ein Symptom zu verbieten bringt nichts“.

Nach eineinhalb Stunden Wartezeit und einem kurzen Wortwechsel mit seinem Arzt hat Moser endlich sein Rezept. Das muss jetzt noch der Amtsarzt bestätigen, dann erst kann Moser damit in die Apotheke gehen. Der Apotheker behält das Dauerrezept ein und gibt dem Patienten täglich oder – wie in Mosers Fall – wöchentlich seine Ration.

In einer jener Apotheken, vor denen sich täglich um acht Uhr morgens die Süchtigen versammeln, stapeln sich in einem Schrank Packungen mit Substitol und Tupperwarebehälter mit Methadon. „Schluckt nicht, bettelt Kunden an, schluckt nicht“, steht im Substitutionstagebuch der Apotheke. In Wien arbeiten Apotheken, Ärzte und Polizei eng zusammen: Wird ein Patient auffällig oder ertappt die Polizei ihn beim Dealen, erfährt sein Arzt das sofort. Er kann dann etwa vorschreiben, dass der Apotheker die Kapseln für den Patienten öffnen muss – das erschwert das Ausspucken des Medikaments.

„Es gibt Patienten, die schon zum 17. Mal zum Begräbnis ihrer Großmutter nach Graz fahren müssen und eine Wochenration wollen“, erzählt der Präsident der Apothekerkammer, Max Wellan. Er befürwortet die Substitutionstherapie – obwohl sie für ihn viele Diskussionen und viel Papierkram mit sich bringt.

Schon vor Jahren stand Substitol in der Kritik, die schwarz-blaue Regierung verschärfte das Suchtmittelrecht. Bis dahin seien einzelne Ärzte dafür bekannt gewesen, alles zu verschreiben, was der Patient sich wünschte, sagen Stefan Ebner und Andreas Moser; heute gehe das nicht mehr.

Auch jene Regelung, derzufolge retardierte Morphine nur bei Methadonunverträglichkeit verschrieben werden dürfen, entstand damals: ÖVP-Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat unterschrieb sie 2006, kurz vor dem Ende der schwarz-orangen Koalition. Dass gesetzlich verordnet werde, welche Substanz Ärzte verschreiben sollen, sei einzigartig, sagt Johanna Schopper, die Drogenkoordinatorin des Bundes: „Es gab damals die Forderung, den Morphineinsatz ganz zu verbieten. Die Verordnung war ein Kompromiss. Medizinische Gründe gibt es dafür nicht“.

Es ist die Beliebtheit der Morphine bei Patienten, die Substitol-Kritiker stört und Befürwortern gefällt: Je angenehmer die Behandlung, desto weniger Patienten brechen sie ab, sagt Hans Haltmayer. Hinter der Kritik an retardierten Morphinen stecke die These, dass man es Suchtkranken nicht allzu bequem machen dürfe.

Wie gut dürfen es Süchtige also haben? Darf man ihnen, um sie im Substitutionsprogramm zu halten, ein Medikament geben, dass sie spritzen oder weiterverkaufen könnten?

„Einen Schwarzmarkt gibt es überall“, sagt Jens Reimer, Direktor des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg. Gehandelt wird alles, was verfügbar ist. Reimers Institut leitet eine Zulassungsstudie für Substitol in der Schweiz; geht sie positiv aus, könnte Deutschland nachziehen. Reimer hofft darauf: Je mehr unterschiedlich wirksame Medikamente es für eine Krankheit gebe, desto besser.

Leicht gekürzt erschienen in der Zeit (Österreich-Ausgabe), 25.4.2013

Die digitalen Musketiere

Drei junge österreichische Journalisten experimentieren in Deutschland mit neuen Formen des Journalismus

Ihr neues Büro ist noch nicht einmal ganz fertig, da zieht Anita Zielina schon wieder aus. Im Oktober hatte sie ihren Job als Vize-Chefredakteurin von Standard und derstandard.at angetreten; nun wurde bekannt, dass Zielina Wien Ende März verlassen wird, um in der Hamburger Redaktion des Magazins Stern den Posten des “Managing Editor Online“ anzutreten. Zielina soll stern.de neu konzipieren; wenn der Umbau abgeschlossen ist, wird sie die Onlineredaktion leiten. Da stellt sich die Frage: Wie schafft es eine 32 Jahre junge Wienerin in die Führungsebene eines großen deutschen Magazins?

Der wichtigste Teil der Antwort lautet: Amerika. Zielina bekam 2011 als erste Österreicherin die renommierte Knight Journalism Fellowship an der Stanford University im kalifornischen Silicon Valley; ein Jahr lang forschte sie dort zu Medieninnovation und zur Frage, wie Medien am besten mit ihren Usern interagieren können.

Die rasanten Veränderungen und die ungewisse Zukunft der Branche machen vielen Medienunternehmern Angst, sie würden am liebsten ihre Augen schließen und sich ins Jahr 1990 zurückbeamen. Wer sich aktiv mit dem Thema Innovation beschäftigt, kann sich daher schnell profilieren.

Wenn Zielina in ein paar Wochen in Hamburg zu einer Podiumsdiskussion oder einem Workshop zu ihrem Spezialthema geht, wird ihr wohl Bernhard Riedmann über den Weg laufen. Und vielleicht – wenn die Veranstaltung wichtig genug ist für eine Anreise aus München – auch Wolfgang Luef. Dann werden drei junge Österreicher zusammenstehen und die Zukunftsstrategien der großen deutschen Magazine debattieren: Luef, 29, ist beim Magazin der Süddeutschen Zeitung für die App zuständig, Riedmann, 30, arbeitet in der Multimedia-Redaktion des Spiegel. Die Namen der beiden könnten Falter-Lesern bekannt vorkommen: Luef und Riedmann waren einst Praktikanten und freie Mitarbeiter beim Falter.

Anita Zielina geht nach Deutschland, weil dort mehr Innovation stattfindet; Luef und Riedmann hingegen haben sich mit Innovation beschäftigt, weil sie zu den großen deutschen Medien wollten. In Deutschland angekommen, stellten beide fest, dass zwar überall Journalisten entlassen werden; im Innovationsbereich aber gab es neue Jobs.

Luef, ein ruhiger, reflektierter Mann, hat 2008 ein Volontariat bei der Süddeutschen absolviert – eine in Deutschland übliche praxisbezogene Ausbildung, bei der man in zwei Jahren verschiedene Ressorts eines Mediums durchläuft. Danach wollte er beim SZ-Magazin bleiben, auch die Redaktion wollte ihn behalten, doch es gab keine freien Stellen. “Ich habe mich nicht für eine iPad-Stelle beworben“, erzählt Luef, “aber als ich gefragt wurde, ob ich die App entwickeln will, habe ich gedacht: Cool, ich kann weiterhin Teil dieser Redaktion sein.“

Zusammen mit Grafikern, Programmierern und Projektmanagern hat Luef die App des SZ-Magazins konzipiert, heute ist er dafür zuständig, die einzelnen Ausgaben fürs Tablet umzusetzen und sich um digitale Zusatzelemente zu kümmern. Da kann der User sich dann eine Kolumne von deren Autor vorlesen lassen, mit den Schüttelreimen der Rubrik “Gemischtes Doppel“ Memory spielen oder sich ein Making-of eines Modeshootings mit ehemaligen Opernsängern in einem Mailänder Altersheim anschauen. Zum Schreiben kommt Luef heute nur noch selten.

Eine Karriere im Expresstempo hat Bernhard Riedmann hingelegt. Im Vergleich zu Luef und Zielina ist er ein Spätberufener, 2010 bewarb er sich an der renommierten Zeitenspiegel-Reportageschule im deutschen Reutlingen. “Wir haben ihn genommen, weil er ein aufgeschlossener, dynamischer Kerl war“, erzählt deren Leiter Philipp Maußhardt heute, “journalistisch war er noch relativ unbedarft.“ Trotzdem wird Riedmann noch vor Ende der Ausbildung, direkt aus einem Pflichtpraktikum heraus, beim Spiegel angestellt.

Das Magazin baute damals gerade seine iPad-Redaktion auf und suchte Multimedia-Reporter. Riedmann hatte nicht nur Musik gemacht, Uni-Vorlesungen besucht und gejobbt, sondern auch eine Filmschule besucht und Fotografie gelernt.

All das hilft ihm bei den interaktiven Webreportagen, die er nun gestaltet. Die Reportage “Nicht von Gott gewollt“ über ein lesbisches Fußballteam in Südafrika etwa, für die er und seine Kollegin Amrai Coen den Deutschen Reporterpreis gewonnen haben. Eine Spielerin aus dem Team nimmt den User mit in ein verfallenes Warenhaus, in dem eine Freundin ermordet wurde; in vier Kapiteln bringen die Reporter dem User mittels Videos und Audioslideshows, über die Stimmen von Opfern und potenziellen Tätern die gefährliche Situation lesbischer Südafrikanerinnen näher.

Könnte Riedmann solche Projekte auch in Österreich umsetzen? “Nein“, sagt er sofort, “ich wüsste nicht, welches Medium sich so etwas trauen würde.“ Im Vergleich zu den Apps von Spiegel und SZ-Magazin muten die der meisten österreichischen Medien fast steinzeitlich an: Sie zeigen entweder die Printausgabe oder sind leicht adaptierte Versionen der Website. Die wohl ambitionierteste Zeitungs-App hierzulande ist ausgerechnet die der Krone, wo man immerhin mit animierten Grafiken und Panoramafotos experimentiert.

In Debatten über die unterschiedlichen Medienkulturen in Deutschland und Österreich kommt meist schnell das Argument, Österreich sei eben ein kleines Land. Bei der Frage nach der Medieninnovation dürfte es sogar stimmen: Eine App zu entwickeln kann hunderttausende Euro kosten, da sind die deutschen Magazine mit ihren Verkaufszahlen klar im Vorteil. Zum Vergleich: Die Süddeutsche verkauft über 400.000 Exemplare einer durchschnittlichen Ausgabe, der Spiegel 900.000, der Stern 800.000. In Österreich liegen Standard oder Profil bei knapp 70.000 Exemplaren.

Aufwändige Projekte wie Riedmanns “Nicht von Gott gewollt“ können sich deutsche Medien daher eher leisten. Zwei Wochen lang waren Riedmann und seine Kollegin dafür in Südafrika, insgesamt drei Monate lang haben sie zusammen mit Grafikern und Programmierern an der Umsetzung der Reportage gearbeitet. Das rechnet sich nicht so schnell – und es ist unklar, wohin solche Experimente führen werden. Für Riedmann sind interaktive Geschichten mehr als nur Spielerei, aber selbst er glaubt nicht, dass neue Erzählformen allein die Krise des Journalismus lösen können.

Dass sich viele Medienunternehmer hierzulande nicht trauen, Projekte mit ungewissem Ausgang zu starten, stört Anita Zielina. Sie hat in den USA eine andere Unternehmenskultur kennengelernt, in der Scheitern nichts Schlimmes ist: “Dort wird man nicht nur für das geschätzt, was man geschafft hat, sondern auch dafür, was man auszuprobieren gewagt hat“, sagt sie. “Wer in Österreich einmal scheitert, dem hängt das für immer nach.“

Beim Standard hat Zielina die Schwerpunktausgabe Direkte Demokratie koordiniert, für die Leser via Liquid Democracy Themen vorschlagen und diskutieren konnten; seit Februar bloggt sie auf derstandard.at zu ihrem Leibthema Innovation. Dass es auch unter ihr, zumindest nach außen hin, keine richtig radikalen Veränderungen gab, mag daran liegen, dass sie erst fünf Monate Zeit hatte, etwas anzustoßen. Viele Projekte, sagt Zielina, seien gerade am Entstehen.

Das passt zu dem, was Daniela Kraus, Leiterin des Forums Journalismus und Medien Wien, über Innovation in Österreich sagt: “Im Gegensatz zu den USA startet man hier Projekte erst in einem späteren Nachdenk- und Entwicklungsstadium, statt sich reinzuschmeißen und einfach mal zu experimentieren.“ Auch auf Deutschland treffe das zu; doch weil die Zeitungskrise dort schon stärker zu spüren ist, sei der Druck, Neues zu schaffen, größer.

Die Aufbruchsstimmung in der Medienbranche werde wohl bald auch in Österreich ankommen, sagt Wolfgang Luef zum Abschied und kündigt an, diesen Text in der Falter-App zu lesen. “Wobei …“, er zögert, “… könntet ihr mir doch eine gedruckte Ausgabe nach München schicken?“

Falter, 6.3.2013

Das zweite Ende der Ära Haider

Österreichs Rechtspopulisten haben in ihrem Stammland Kärnten massiv Stimmen verloren – auch weil sie einen Erben haben

Es ist die größte Wahlniederlage in der österreichischen Geschichte. Von 45 Prozent auf 17 Prozent sind die Freiheitlichen bei den Kärntner Landtagswahlen am Sonntag abgestürzt. Ausgerechnet im Kernland der rechtspopulistischen Partei, dort, wo Jörg Haider politisch groß wurde und wo er bis zu seinem Tod im Jahr 2008 regierte.

Jahrzehntelang kannte die FPÖ nur Höhenflüge, nun sind in Kärnten die Sozialdemokraten die stärkste Partei. Vermutlich werden sie eine Koalition mit der konservativen ÖVP oder den Grünen eingehen – oder eine Dreierkoalition mit beiden. FPK-Chef Kurt Scheuch ist zurückgetreten, Soziallandesrat Christian Ragger hat die Parteiführung übernommen.

Dass die FPK – die durch Abspaltungen und erneute Zusammenschlüsse entstandene Kärntner Schwesterpartei der FPÖ – bei den Wahlen abstürzen würde, war klar, nur das Ausmaß der Verluste überrascht. Denn in letzter Zeit haben die Freiheitlichen vor allem mit Skandalen Aufsehen erregt; es gibt kaum einen ranghohen FPK-Politiker, gegen den die Staatsanwaltschaft noch nicht ermittelt hat. Ex-Parteichef Uwe Scheuch, Bruder und Vorgänger des jetzt zurückgetretenen Kurt Scheuch, wurde wegen Bestechlichkeit zu sieben Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, in anderen Prozessen ging es um Wahlwerbung mit Geld des Landes oder um ein überhöhtes Honorar für ein Gutachten zur Hypo Alpe Adria Bank.

Viele der Skandale gehen noch auf Jörg Haider zurück, der von 1989 bis 1991 und von 1999 bis 2008 Landeshauptmann war, die österreichische Version des Ministerpräsidenten. “Der Jörg” war in Kärnten beliebt, er stilisierte sich zum Landesvater. “Die Sonne ist vom Himmel gefallen”, sagte sein nun abgewählter Stellvertreter und Nachfolger Gerhard Dörfler nach Haiders Tod; die Stelle, an der Haider mit 142 km/h und 1,8 Promille Alkohol im Blut auf einen Betonpfeiler auffuhr, wurde zur Pilgerstätte. Auch nach Auffliegen der Skandale wollten viele Kärntner lange nicht glauben, dass Haider verwickelt war. Erst mit den Wahlen vom Sonntag, sagen viele Beobachter, ist die Ära Haider endgültig vorbei.

Die Ära der FPÖ aber nicht unbedingt. Denn vor allem zwei Faktoren haben zur Niederlage ihrer Kärntner Filiale geführt: Zunächst die Korruptionsskandale, die – wohl weil die FPÖ in keinem anderen Bundesland je regiert hat – nirgends so stark ausgeprägt waren wie hier.

Der zweite große Faktor heißt Frank Stronach. Der 80-jährige Milliardär, in Österreich geboren und in Kanada mit der Autoteilefirma Magna reich geworden, ist vor wenigen Monaten in die österreichische Politik eingestiegen. Sein Programm ist vage, doch er versteht sich auf jene Anti-EU- und Anti-Establishment-Rhetorik, mit der sonst die FPÖ punktet.

Bei der Kärntner Wahl bekam Stronachs Partei elf Prozent der Stimmen; in Niederösterreich, wo ebenfalls am Sonntag gewählt wurde, landete er auf Anhieb auf dem dritten Platz – noch vor der FPÖ, die auch hier Stimmen verlor. In beiden Ländern hat Stronach vor allem im Revier der FPÖ gewildert, bei politikverdrossenen Protestwählern, meist sind das junge Männer. Aber angesichts von Stronachs hohem Alter und seiner Launenhaftigkeit ist völlig unklar, wie lange seine Partei Bestand haben wird. Verschwindet Stronach von der politischen Bildfläche, könnten seine Wähler zur FPÖ zurückkehren.

Doch bei der Nationalratswahl im Herbst wird Stronach der nun ohnehin geschwächten FPÖ bei den Themen Anti-EU und Anti-Establishment weiter Konkurrenz machen. Um sich von ihm abzugrenzen, könnten die FPÖ und ihr Bundesobmann Heinz-Christian Strache wieder verstärkt auf ihr eigentliches Lieblingsthema setzen: Ausländer.

Tagesspiegel, 5.3.2013

Der Aushilfskärntner

Im tiefen Süden der Republik ist Politik primitiv, der Ton vulgär, und die Tricks sind dreckig – in dieses Biotop hat es den smarten Diplomaten Wolfgang Waldner verschlagen.

Wolfgang Waldner hat ein Foto auf seine Facebook-Seite gestellt, auf dem er mit Barack Obama plaudert. Dazu noch eines, das ihn mit Ban Ki Moon zeigt, und eines, auf dem er bei einer UN-Konferenz in Rio hinter dem Rednerpult steht. Es sind Aufnahmen aus einem Paralleluniversum, kein Jahr sind sie jetzt alt.

Es gibt auch neuere Fotos von Wolfgang Waldner im Internet zu bewundern: Sie zeigen ihn im Winnetou-Kostüm beim Villacher Faschingstreiben, bei der Eröffnung der Agrarwoche in St. Andrä, mit einer Motorsäge in der Hand in der Landwirtschaftlichen Fachschule Litzlhof oder in einem Kuhstall in Weißenstein.

Der 58-jährige Karrierediplomat gilt als intellektuell, weltoffen und kultiviert. Er studierte Jura, ging mit Ende 20 in die USA, arbeitete vier Jahre lang als Kulturattaché in Washington und elf Jahre lang als Direktor des Österreichischen Kulturinstituts in New York. Als Leiter des Wiener Museumsquartiers kehrte er nach Österreich zurück und jettete schließlich 16 Monate lang als Staatssekretär im Außenministerium um die Welt. Plötzlich nahm sein Lebensweg eine Wende, mitten hinein in die Provinzpolitik, dorthin, wo sie besonders rüde ist.

Bei der Kärntner ÖVP war die Not gerade groß. Da zauberte der neue Parteichef Gabriel Obernosterer den smarten Musterschüler aus der Kärntner Diaspora aus dem Hut, und der wagte sich als neuer Landesrat in Klagenfurt auf ein berüchtigt hartes Pflaster. Hier regieren die rüpelhaften Erben von Jörg Haider, hier wird Politik am Stammtisch gemacht, hier reißt der Landeshauptmann rassistische Witze und ignoriert die Erkenntnisse des Verfassungsgerichtshofs. Und hier saß zeitweise die halbe Regierung auf der Anklagebank. Auch Josef Martinz, ehemaliger Landesparteiobmann und Landesrat der ÖVP: Er wurde wegen Untreue nicht rechtskräftig zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt.

Das ungleiche Duo Waldner und Obernosterer soll nun diese Skandale vergessen machen und der Partei vor den Landtagswahlen am 3. März ein sauberes Image verleihen. Auf Flyern präsentiert es sich in strahlend weißen Hemden.

Der Benediktinermarkt in der Klagenfurter Innenstadt, zwölf Tage vor der Entscheidung. Von Wahlkampf ist kaum etwas zu spüren: Die Parteien haben vereinbart, auf Plakatwerbung im Großen und Ganzen zu verzichten. Nur FPK-Landeshauptmann Gerhard Dörfler lächelt trotzdem von Werbeständern.

Kaum jemand hier weiß, wen er wählen wird, die Politikverdrossenheit ist noch größer als anderswo. In fast jedem Gespräch fällt der Standardspruch: »Es sind doch eh alle korrupt.« Wer nach Wolfgang Waldner fragt, blickt in ratlose Gesichter: »Wer ist das?«

Auch der Student, der in Waldners Begleitung in einer knallgelben Jacke Wahlprospekte, Streichholzschachteln und Zuckerln verteilt, kennt dessen Namen erst seit Kurzem.

Dabei kann sich die Bilanz des Neuen in der Regierung durchaus sehen lassen: In seinen ersten sechs Monaten trieb er etwa Geld für eine KZ-Gedenkstätte und für die Rettung der von Schimmel befallenen Bestände des Landesmuseums auf – zwei Projekte, bei denen zuvor lange nichts weitergegangen war.

Wolfgang Waldner gilt als ruhig und sachlich, als jemand, der alles ganz genau wissen will, bevor er sich eine Meinung bildet. Damit komme er bei vielen Kärntnern – auch innerhalb der eigenen Partei – nicht gut an, gestehen selbst seine Unterstützer. Waldner läuft Gefahr, als abgehoben, als zu intellektuell zu erscheinen. Die rechten Parteien tun ihr Bestes, diesen Ruf zu festigen. »Er versteht die Kärntner Seele nicht«, sagt etwa FPK-Obmann Kurt Scheuch, der Mann fürs Grobe bei den Haider-Nachfolgern, und meint damit wohl auch dessen Sprache. Man hört es Waldner kaum mehr an, dass er als Sohn eines Gendarmen im Gailtal aufgewachsen ist, nur hin und wieder lässt es sich erahnen, wenn ein hochdeutsches »ch« als »h« aus seinem Mund kommt.

Jetzt tingelt der Globetrotter auf Stimmenfang durch die Lande. Etwa in das Test- und Ausbildungszentrum der Wirtschaftskammer, wo Jugendliche ihre Eignung für verschiedene Lehrberufe testen lassen können. Waldner, mit einem Landeswappen-Ansteckknopf am dunklen Anzugrevers, lässt sich von einem Burschen im Kapuzenpulli die Werkbank erklären. Dann stellt er sich neben einen jungen Mann in einem gestreiften Leibchen, doch der blickt nicht einmal hoch. Der Wahlkämpfer nagt kurz an seinen Lippen und geht weiter. Wer der elegante Herr da eben war, das wissen die Jugendlichen nicht. Der im gestreiften Shirt deutet auf das Foto von Gabriel Obernosterer im Wahlkampf-Flyer: »Aber den da kenn ich.«

Waldner und Obernosterer kommen aus verschiedenen Welten und unterschiedlichen Flügeln der ÖVP. Der Gastwirt Obernosterer in seiner braunen Steppjacke, mit seinem knarrigen Dialekt und seinem derben Lachen, ist ein bodenständiger Konservativer und soll die Kernwähler der Partei ansprechen. Waldner hingegen mit seiner bedächtigen Redeweise und seinem gepflegten, eher wienerisch gefärbten Deutsch gilt als weltgewandter Liberaler. Viele könnten ihn sich bei den Grünen vorstellen, auch deren Kärntner Chef Rolf Holub. »Wenn ihn die ÖVP nicht mehr will, gebe ich ihm gern Asyl«, sagt er.

Aber Waldner – im Jahr 2002 Fürsprecher einer schwarz-grünen Regierung – fühlt sich in seiner Partei daheim. Die Werte der ÖVP seien auch die seinen. »Fleiß, Leistung, Eigentum, Eigenverantwortung«, zählt er auf. Er spricht sich gegen den »Missbrauch des sozialen Netzes« und gegen den »Anreiz, die anderen auszunützen«, aus und klingt dabei ganz nach Parteilinie.

Nach der Wahl will die ÖVP mit SPÖ und Grünen eine Koalition bilden; alle haben ausgeschlossen, eine FPK-Regierung zu unterstützen. Landeshauptmann einer rot-schwarz-grünen Regierung würde wohl SP-Chef Peter Kaiser werden, den Waldner regelmäßig um sechs Uhr früh beim Joggen am Lendkanal in Klagenfurt trifft. Auch Waldner würde sich den Job zutrauen, doch bei Umfragewerten von 10 bis 13 Prozent für die ÖVP sind solche Überlegungen ein wenig wirklichkeitsfremd.

Der vierte und letzte Wahlkampfauftritt des Tages führt Waldner in das Museum Moderner Kunst Kärnten. Hier ist er auf sicherem Terrain, er zitiert Ingeborg Bachmann und Dante und wird verstanden. Einer der anwesenden Künstler, kein Anhänger der Volkspartei, wird nachher sagen, er habe Waldner als blutleer und unaufmerksam empfunden, dessen Antwort auf seine Fragen als nichtssagend. Dass sich ein Landespolitiker aber ernsthaft mit Kunst beschäftigt, sind die meisten hier gar nicht mehr gewohnt. »Mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als ihn zu wählen«, sagt der Künstler.

Auch in der slowenischen Volksgruppe könnte Waldner punkten. Er hat als Landesrat Initiativen der Kärntner Slowenen unterstützt, hat die verschuldete slowenische Musikschule mit Geld aus dem Budget seines Ressorts vorläufig vor der Schließung bewahrt. Nicht mehr als symbolische Gesten, aber viel mehr, als freiheitliche Politiker bis dahin bereit waren zu tun.

Als der Wechsel des Reisediplomaten in die politische Landesliga bekannt wurde, spekulierten manche, er sei »strafversetzt« worden. Das stimme nicht, beteuert Waldner: Er wolle einfach etwas für sein Land tun. »Ich war der erste Exilkärntner, der direkt in die Landesregierung wechseln konnte«, sagt Waldner. »Hätte ich Nein gesagt, hätte ich das Recht verspielt, zu kritisieren, was im Land vorgeht.«

Aber was, wenn die ÖVP – ein durchaus realistisches Szenario – bei der Wahl ihren einzigen Regierungssitz verliert? Endet der Mann, der Barack Obama die Hand schüttelte, dann als Abgeordneter im Kärntner Landtag? Waldner lacht: »Um mich braucht man sich keine Sorgen zu machen.« Ist der Regierungssitz weg, ist auch er weg, das hat er bereits angekündigt. Kennt man seine Optionen, wird die Heldengeschichte vom Mann, der auszog, seinem Land zu dienen, weniger heldenhaft: Scheitert Waldner in Kärnten, kann der karenzierte Beamte jederzeit ins Außenministerium zurückkehren und warten, bis der nächste Botschafterposten frei wird. Demnächst werden etwa die Vertretungen in Rom und Berlin neu besetzt. Dann wäre der Aushilfskärntner wieder in seiner Welt daheim.

Die Zeit (Österreich-Ausgabe), 28.2.2013

Die Frau im Tor

Mit 16 hat Susanne Peter die Gruft mitgegründet. 26 Jahre später kämpft sie immer noch für Obdachlose

Wären die Schmalzbrote nicht gewesen, wäre Susanne Peter heute wohl Nonne. Gläubige Katholikin, Ministrantin, in der Pfarrjugend engagiert – sie hatte die besten Voraussetzungen für ihren Traumberuf. Aber da waren die Schmalzbrote, da war der Tee, und da war der Keller unter der Barnabitenkirche. Deshalb ist Susanne Peter, 42, heute keine Nonne, sondern eine Institution der Wiener Obdachlosenhilfe.

Während einer Religionsstunde im Amerlinggymnasium im Herbst 1986 beschließen ein paar Schüler, den Grundsatz der christlichen Nächstenliebe in die Tat umzusetzen. Sie eröffnen unter der Kirche an der Mariahilfer Straße eine Wärmestube, sechsmal pro Woche von 14 bis 16 Uhr geben sie gratis Schmalzbrote und Tee an Obdachlose aus. So beginnt die Geschichte der Gruft, die heute 24 Stunden am Tag für Obdachlose geöffnet ist, wo sie schlafen, essen, duschen und ihre Wäsche waschen können.

“Die Susi war von Anfang an eine der eifrigsten“, sagt Pater Albert Gabriel, der Religionslehrer, in dessen Unterricht die Gruft entstand. Es hat ihn nicht überrascht, dass sie als einzige Schülerin nach der Matura weitermachte. Was für andere ein Schulprojekt war, wurde für Susanne Peter zur Lebensaufgabe.

Die Gruft verbirgt sich hinter einer schlichten Tür an der Seite der Barnabitenkirche, ein paar Stufen unter dem Straßenniveau; wer nicht nach ihr sucht, nimmt sie nicht wahr. So unauffällig wie der Eingang zur Gruft ist auch ihre dienstälteste Mitarbeiterin. In hellen Jeans und lila Sweatweste, eine selbstgebastelte Kette um den Hals, sitzt Susanne Peter an ihrem Schreibtisch – eine resch wirkende Frau mit einer unerwartet sanften Stimme. Über dem Tisch hängen Bilder von Delfinen, eine Rapid-Autogrammkarte und Babyfotos.

Nein, das Baby ist nicht ihres, aber es hat Susanne Peter wohl einiges zu verdanken. Seine Eltern hat Peter in einem Gebüsch auf der Donauinsel kennengelernt. Sie hatten seit Jahren keine Wohnung, kein Einkommen, keine Dokumente, dann wurde die Frau schwanger. Susanne Peter verhalf ihnen zu einer Wohnmöglichkeit, das Baby kam gesund zur Welt, nun will das Paar heiraten.

Susanne Peter hat viele solche Geschichten auf Lager, doch sie wird immer wieder unterbrochen. Ein Mann mit einem Stapel Brotscheiben in der Hand will die Termine der Rechtsberatung wissen, ein Kollege ruft an wegen eines schwierigen Klienten, ein Junkie bittet um einen Spitzer – ja, tatsächlich um einen Spitzer -, eine Frau im Pelzmantel bringt Schuhe und Pullover vorbei; ein Mann mit schwarzen Zähnen braucht Hilfe beim Ausfüllen seines Mindestsicherungsantrags und erzählt von seinem neuen Freund; ein Bursche in einer Armyjacke brüllt, man habe ihm seine Zigaretten geklaut. Susanne Peter beantwortet alle Fragen, dankt der Spenderin, beruhigt den Bestohlenen. Die meisten Klienten kennt sie mit Namen, sie kennt ihre Lebensgeschichten, ihre Meldeorte und ihre Krankheiten. Mit manchen hat sie seit Jahrzehnten zu tun; die Hoffnung, dass sie irgendwann keine Hilfe mehr brauchen werden, gibt sie trotzdem nicht auf. Rückfälle heißen bei ihr nicht Rückfälle, sondern “Ausflüge ins Gewohnte“. Obwohl sie die längstdienende Mitarbeiterin der Gruft ist, ist Susanne Peter nie deren Chefin geworden – sie wollte die direkte Arbeit mit den Klienten nicht aufgeben.

Kollegen und Vorgesetzte beschreiben Peter als “Arbeitsviech“, als praktischen Menschen, der zupackt, statt zu reden; sie loben ihre Empathie und ihr Durchhaltevermögen in einem Job, den kaum jemand länger als fünf Jahre lang aushält. Immer noch geht Peter regelmäßig in die Kirche; die Religion sei “das Grundwasser ihrer Persönlichkeit“, sagt Pater Gabriel. Aber ihr Theologiestudium brach sie bald ab: zu theoretisch. Stattdessen machte sie eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin, später noch eine zur Psychotherapeutin.

Was hat sich verändert in den 26 Jahren, in denen Susanne Peter sich nun um Obdachlose kümmert? Vor allem ihre Klientel. “Den Rauschebartobdachlosen“, sagt Peter, “gibt es kaum noch.“ Dafür viele ehemalige Selbstständige, psychisch Kranke: “Die Depressionen werden immer mehr, das hat mit der Leistungsgesellschaft zu tun.“

Den gepflegten Mann mit der eckigen Brille, der sich jetzt auf den Sessel neben Peters Schreibtisch wirft, könnte man für einen ihrer Kollegen halten. Aber er ist ein Klient, Alkoholiker, nach zehn Jahren hat er sich zu einer Therapie durchgerungen. Peter bespricht mit ihm geeignete Wohnmöglichkeiten. “Kommst du morgen zum Fußball?“, fragt sie dann. “Ja.“

Seit fast 20 Jahren hält Peter in einer Kagraner Sporthalle jeden Samstag ein Fußballtraining für ihre Klienten ab – für die Obdachlosen eine Ablenkung, für Peter ein Weg, sie besser kennenzulernen. Über das Gruft-Team hat sie auch privat den Fußball für sich entdeckt. Ihre Position: Torfrau. Wenn alle anderen ihr Bestes gegeben haben und das Unglück trotzdem nicht aufhalten konnten, dann macht Susanne Peter noch einen letzten Versuch, die Partie zu retten. Ganz so wie im echten Leben.

Falter 13.2.2013

Zu ebener Erde und im ersten Stock

Der Standard hat die fortschrittlichste Onlineredaktion des Landes. Doch bei der Zusammenarbeit zwischen Online und Print hapert es noch. Ein Umzug soll das ändern

“Ist das hier nicht Raum 2.1.?” – “Nein, das ist 2.2., glaube ich.“ Selbst Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid hat das Gebäude, das sie und ihre Mitarbeiter vor kurzem bezogen haben, noch nicht ganz durchschaut. Seit Dezember residiert der Standard nicht mehr in einem prunkvollen Innenstadtpalais, sondern in einem Glaskubus im dritten Bezirk – gemeinsam mit derstandard.at, dessen Redaktion früher in einem eigenen Gebäude saß. Weiße Tische, viel Glas, Luftbefeuchter, dazu rundliche „Kuschelecken“ in Gelb, Grün und Pink, die die Mitarbeiter für Besprechungen und Telefonate nützen können. Auf den Gängen stehen Leitern herum, aus der Decke hängen Kabel, von irgendwo ertönt eine Bohrmaschine.

Modern, aber noch eine Baustelle – diese Beschreibung trifft auch auf die Onlinestrategie des Standard zu. Seine Website derstandard.at war 1995 der erste Webauftritt einer deutschsprachigen Zeitung und ist bis heute ein Vorreiter im österreichischen Onlinejournalismus.

Während die Onlineredaktionen anderer Tageszeitungen meist aus kaum zwanzig Personen bestehen und vor allem damit beschäftigt sind, Agenturmeldungen zu kopieren, Texte aus der Printausgabe online zu stellen und klickträchtige Bildergalerien zu Lifestylethemen anzulegen, arbeiten bei derstandard.at etwa 70 Redakteure, annähernd so viele wie bei der Printschwester. Sie recherchieren eigene Geschichten, tickern live von Gerichtsverhandlungen und experimentieren mit neuen Formen wie Datenjournalismus und interaktiven Netzwerkgrafiken.

Im Grunde könnten sich Online- und Print-Standard unter einem Dach perfekt ergänzen. Die Onliner könnten den täglichen Nachrichtenfluss intelligent abdecken, die Print-Leute tags darauf die großen Zusammenhänge und die stilistischen Höhepunkte liefern.

Könnte. Denn in der Praxis funktionierte das bis dato kaum. Statt Kooperation hieß es vielfach Konfrontation – oder einfach liebloses Nebeneinander. So standen im April letzten Jahres zum einjährigen Amtsjubiläum von Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz zwei Interviews mit ihm gleichzeitig auf derstandard.at: eines von Print-, eines von Onlineredakteuren. Skurrilitäten wie diese gibt es nicht nur beim Standard: News.at bekam vor kurzem keinen Zugriff auf eine Aufdeckergeschichte von News-Vize-Chefredakteur Kurt Kuch – und behalf sich, indem es eine Agenturmeldung online stellte, die einen Ö1-Bericht zitierte, der sich auf Kuchs Artikel bezog.

Auf die Frage “Warum?“ hört man beim Standard oft von tradierten Animositäten und unterschiedlichen journalistischen Kulturen. Die Onliner fühlen sich von den Printlern nicht als vollwertige Journalisten akzeptiert. Dass online am Anfang recht amateurhaft gearbeitet wurde, hängt ihnen bis heute nach, nur langsam werden die Ressentiments weniger.

Die Spannungen zwischen Print und Online, die etwa zutage treten, wenn Onlineredakteure den Titel einer Printgeschichte ändern, sind ein Symptom der Umbruchphase, in der die Medienbranche derzeit steckt. Gedruckte Zeitungen verlieren Leser, kündigen Personal, werden mancherorts gar eingestellt; Onlinejournalismus gewinnt an Bedeutung.

Das zeigt sich auch beim Standard: Lag die verkaufte Auflage der Zeitung 2008 im Wochenschnitt noch bei 77.000 Exemplaren, sank sie bis zum ersten Halbjahr 2012 auf 70.000. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der page impressions – also der Klicks – auf derstandard.at von 46 auf 63 Millionen; die Zahl der unique clients – also der Geräte, von denen auf die Seite zugegriffen wurde – verdoppelte sich von 1,3 auf 2,5 Millionen. Seit 2005 mache der 1995 gegründete Online-Standard Gewinne, sagt dessen Chefredakteurin Gerlinde Hinterleitner.

Doch Onlinejournalismus spielt weniger Geld ein, als es Zeitungen noch bis vor ein paar Jahren taten; weltweit suchen Medienbesitzer nach digitalen Verdienstmodellen. Die Wirtschaftskrise verstärkt die Nervosität in der Branche noch, auch beim Standard rechnet Chefredakteurin Föderl-Schmid für 2013 finanziell mit schlechten Nachrichten. Niemand weiß, wie der Journalismus in ein paar Jahren aussehen wird – und ob er oder sie dann noch einen Job haben wird.

Beim Standard soll das gemeinsame Gebäude in Zukunft Absprachen erleichtern. Auch dass im Herbst Anita Zielina – die 32-jährige Onlinerin war 2011 als erste Österreicherin Knight Journalism Fellow an der Stanford University in Kalifornien und forschte dort zu Medieninnovation – zur Vize-Chefredakteurin sowohl des Standard als auch von derstandard.at ernannt wurde, ist ein  Schritt in diese Richtung.

Die Trennung zwischen Print- und Onlineredaktion soll beim Standard trotzdem erhalten bleiben. Als der Umzug in das ehemalige Gebäude der Zentralsparkasse geplant wurde, überlegte man, beide räumlich zu verschmelzen. Doch ausgerechnet in der Abwehr dieses Modells taten sich Print- und  Onlineleute, die sonst kaum miteinander sprachen, zusammen. Sie sehen wegen der unterschiedlichen Arbeitsweisen von Print und Online keinen Sinn in einer engeren Zusammenarbeit; auch die unterschiedlichen Beschäftigungsverhältnisse – Printredakteure werden nach Journalisten-Kollektivvertrag, Onliner nach dem billigeren IT-Kollektivvertrag bezahlt – haben eine Rolle gespielt, ebenso die Angst vor Entlassungen: Vor kurzem erst wurde den Redakteuren per Mail Bildungskarenz und Altersteilzeit schmackhaft gemacht.

Die Geschäftsführung gab nach, und so sitzt die Printredaktion nun mit Blick auf den Wienfluss im ersten Stock des neuen Gebäudes, die Onliner teilen sich mit der Print-Produktion den riesigen ehemaligen Kassensaal im Erdgeschoß.

Eine personelle Verschmelzung von Online und Print kommt für die Redakteure noch weniger in Frage als eine räumliche. Der Medienredakteur Harald Fidler und Klaus Taschwer von der Wissenschaft sind die einzigen Printler, die im neuen Gebäude freiwillig unten bei den Onlinern sitzen. “Ich merke stündlich, dass es Sinn ergibt, gemeinsam zu arbeiten”, sagt Fidler, “aber ich weiß auch, wie schwierig es ist, beide Medien parallel und aktuell zu bedienen”.

Einen Vorgeschmack darauf, wie die Zusammenarbeit funktionieren könnte, lieferte letzte Woche ein Streitgespräch zwischen zwei Offizieren zum Thema Wehrpflicht: Ein Printredakteur und eine Onlineredakteurin moderierten die Diskussion gemeinsam, in der Printausgabe erschien eine kürzere Fassung, online eine längere Version und ein Video. Für den Standard war das schon eine kleine Revolution.

Erschienen in leicht veränderter Form im Falter, 23.1.2013